Kultur in Argentinien

Leben in Argentinien

Argentinien und die Argentinier lieben die Selbstdarstellung.

Jorge Luis Borges sagte, die Argentinier seien "Italiener, die Spanisch sprechen und gerne Engländer wären".

Die Argentinier sind ein Volk der Einwanderer aus verschiedenen europäischen Ländern. So bunt gemischt wie seine Bewohner, so bunt ist auch die Kultur Argentiniens.

Die argentinische Dichterin María Elena Walsh sagt von der Kultur, sie sei die Kunst zu überleben, ständig zu entdecken und zu erfinden. Der Schriftsteller Adolfo Bioy Casares fügt dem hinzu: "mit jener skeptischen Intelligenz, die pessimistischem Denken optimistisches Temperament entgegensetzt".

Was lässt sich besser als ein Beispiel für dieses optimistische Temperament anführen als der Tango Argentino? Er ist nicht nur der Tanz der Straße, auch in die Kinos und Konzerthallen wandert er hinein. Der Tango erlebt eine neue Geburt, obwohl er nie gestorben ist. In Europa ist er populär wie nie. Aber beim Tango fängt das kulturelle Leben Argentiniens nicht an - und hört beim Tango auch nicht auf. Das sollen folgende Beispiele vermitteln:

-40 % der Argentinier lesen im Durchschnitt ein Buch pro Monat,
- der Radiosender Radio Música Clásica sendet 24 Stunden lang klassische Musik,
- der Radiosender FM Tango sendet 24 Stunden lang Tangomusik,
- Buenos Aires hat über 10.000 Schauspielschüler,
- das argentinische Nationale Konservatorium vergibt jährlich knapp 600 Studienplätze, dem stehen Tausende von Bewerbern gegenüber,
- Balletttänzerinnen wie Paloma Herrera, oder Tänzer wie Julio Bocca oder Maximiliano Guerra haben Weltruf,
- das Teatro San Martín empfängt jährlich über 800.000 Besucher,
- das Bonaerenser Kulturzentrum Ricardo Rojas bietet in über 250 Workshops zig Bildungsmöglichkeiten, auch ausgefallene, wie das Erlernen des Jonglierens oder des Flamenco,
- Fußball wird zur Kunst: der Maler Pérez Celis hat 1996 das Stadion der Boca Juniors mit Wandgemälden gestaltet
- im Kulturzentrum Recoleta haben 42 Maler die Romanwelt Jorge Luis Borges' in Bilder gestaltet,
- der Roman des Schriftstellers Bioys, Morales Erfindungen, wird im Centro Cultural Borges als Marionettenspiel aufgeführt.

In Argentinien findet das Kulturleben nicht (nur) auf Festspielen, im Theater oder auf Ausstellungen statt - nein, auch dort, wo das Volk ist, auf der Straße, in U-Bahn Stationen, am Kiosk.

Argentinische Literatur

Argentinien wurde als Staat unabhängig. Danach wurde seine Literatur unabhängig, und zwar von der spanischen.

Im 19. Jahrhundert begann dieser Loslösungsprozess mit der Thematisierung des Lebens der Gauchos in der Pampa. Der Gaucho wird zum Sympol der eigenen Nationalität.

Von Domingo Faustino Sarmiento (1811 - 1888) wird er jedoch in dem Roman "Zivilisation und Barberei: Das Leben des Juan Facundo Quiroga" als gesetzloser Halbindianer angeklagt. Dieser Roman entstand 1845 vor dem Hintergrund der Caudillo Raubzüge. Ein Beispiel für die Wandlung der Gestalt des Gaucho ist die Erzählung Fausto aus dem Jahr 1866 von Estanislao del Campo (1834 - 1880). Das argentinische Nationalepos wird in dem Roman El gaucho Martín Fierro (1872) von José Hernández gesehen. Es erzählt in Gedichtform die romantische Geschichte eines Gauchos.

Ricardo Güiraldes (1886 - 1927) schuf den Roman "Don Segundo Sombra". Der deutsche Titel lautet "Das Buch vom Gaucho Sombra".

Bekannte Autoren der jüngeren Zeit sind Eduardo Mallea, Ernesto Sabato, Julio Cortázar, Manuel Puig. Besonders zu nennen ist Jorge Luis Borges, der in seinem Roman "El Hombre de la Esquina Rosada", "Der Mann von der rosa Ecke" das Milieu des entwurzelten Großstadtmenschen skizziert.

Borges wird als der schöpferischste Schriftsteller der spanischen Sprache angesehen. Seine Werke repräsentieren die Literatura fantástica Argentiniens.

Der bekannteste Cartoon Argentiniens dürfte Mafalda des Zeichners Quino sein, der unter anderem Preisträger des Max-und-Moritz-Preises ist.

Argentinische Musik

Es war der Tango, der die Musik Argentiniens weltbekannt machte. (Wenn hier vom Tango die Rede ist, dann sind damit auch die ihm verwandten Musikformen Milonga und Vals gemeint). Denkt man an Argentinien, denkt man an den Tango! Schon daraus ist erkennbar, dass der Tango mehr ist als nur Musik: er ist Identifikationsmerkmal der Argentinier, besonders der Porteños aus Buenos Aires. Der Tango vereint viele Bereiche der argentinischen Kultur: die Musik, den Tanz, die Literatur. Bekannteste Interpreten sind der unsterbliche Carlos Gardel und Astor Piazzolla.

Doch der Tango ist nicht alles, was Argentinien an Musik zu bieten hat. Die traditionelle Folklore erfreut sich ebenfalls großer Beliebtheit. Hervorzuheben sind hier, auch vor internationalem Hintergrund Héctor Roberto Chavero, bekannt unter dem Namen Atahualpa Yupanqui sowie die 1935 geborene und aus der Provinz Tucumán stammende Mercedes Sosa. Sie lebte von 1978 bis 1982 im Exil in Madrid und Paris und kehrte dann nach Argentinien zurück.

In jüngster Zeit hat die Popmusik in Argentinien großen Einfluss auf traditionelle Musikstile bekommen, etwa auf den Tanz des Cuarteto, die Musik der Stadt Córdoba. Oder auf einige Stile der von den Spaniern übernommenen nationalen Folklore. Sie haben durch Mischung mit anderen Stilen ein vollkommen anderes Bild bekommen.

Aber auch Musikstile aus anderen Teilen Südamerikas, insbesondere die kolumbianische Cumbia, wurden von argentinischen Interpreten verfremdet und weiterentwickelt. In Buenos Aires in Argentinien entwickelte sich die Cumbia Villera, die Slum-Cumbia oder Pop-Cumbia.

Die Wurzeln argentinischer Musik reichen vom schamanischem Singsang der Indios über die Barockmusik der Missionen zu den Stehgreifliedern der Gauchos.

In Buenos Aires entwickelte sich mit der Tätigkeit der Komponisten Carlos López Buchardo (1881 - 1948) und Felipe Boero (1884 - 1959) nationale folkloristische Musik. Fortgesetzt wurde diese Entwicklung durch Alberto Evaristo Ginastera (1916 - 1983). Er verband Folklore mit der Zwölftonmusik und gilt als Vater der Bewegung Grupo Renovacíon. Ihm folgten der Komponist Carlos Paz (1901 - 1972) und Mauricio Kagel (1931) nach.

Kagel ist der Schöpfer des Instrumentalen Theaters.

Die Musik, die zuvor die Menschen in Buenos Aires beeinflusste, war geprägt von der spanischen Zarzuela, dann, im 19. Jahrhundert, vom Wiener Walzer und italienischen Opern. Die Musik von López Buchardo und Boero prägte also einen ganz neuen Stil.

Die Balladensänger unter den Gauchos, die payadores, begleiteten ihre Lieder immer mit der Gitarre. Die bunten und satirischen Weisen dieser Lieder wandelte sich in den Großstätten zu sozialkritischen Ausdrucksformen und zu Protestliedern. Zu den payadores zählen Sänger wie Eduardo Falú und Atahualpa Yupanqui. Diese argentinische Folklore spannt sich im Bogen von der Volkslyrik, wie sie einfühlsam etwa die Sängerin Julia Elena Dávalos vorträgt, bis hin zur vokalen Viturosität der Negra (der Schwarzen) aus Tucuman, interpretiert etwa von Mercedes Sosa.

Die Folklore hat sich mit der Rockmusik verbunden - das ist kein Phänomen in Argentinien. In Argentinien ist daraus in den 60 er Jahren des 20. Jahrhunderts der rock nacional geworden. Er hat sich über ganz Lateinamerika ausgebreitet und geht auf Charly García und Fito Páez zurück.

In den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der argentinische rock nacional zur música fusión. Dort wurden verschiedene Musikrichtungen, etwa Blues, Country, Jazz oder Tango miteinander verwoben. Hervorzuheben ist hier Astor Piazzolla, ein Meister des Bandeneon. Er ließ sich von den Arrangements Gerry Mulligans anregen. "Der große Tango", "Le Grand Tango" ist ein Hauptwerk Piazzollas. Es wurde 1994 vom russischen Cellist Mstislaw Rostropowitsch im Teatro Colón interpretiert. Dies fiel mit dem 30jährigen Geburtstag Argentiniens bedeutendsten folkloristischen Werkes zusammen: der von dem Pianisten Ariel Ramírez komponierten "Misa Criolla".

Malerei in Argentinien

Die argentinische Malerei lehnte sich zunächst an europäische Richtungen an. Im 19. Jahrhundert standen Repräsentationsbilder an erster Stelle. Wie in Europa bestimmte der Auftraggeber den Inhalt des Bildnisses. Anschaulich verdeutlicht dies etwa Prilidiano Paz Pueyrredón mit seinem Bild "Portrait der Manuelita Rosas. Es ist im Museo Nacional de Bellas Artes ausgestellt.

Erst später kam man zur Landschaftsmalerei oder zu Gemälden aus dem Milieu.

Fernando Fader (1882 - 1935), Martín Malharro (1865 - 1911), Eduardo Sívori (1847 - 1918) waren bekannt für ihre impressionistischen Pampasszenen.

Einen ganz neuen Stil fand die argentinische Malerei in den 20er sowie 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Prägend war eine Begegnung des in Paris lebenden Antonio Bernis(1905 - 1981) mit David Alfaró Siqueiros in Buenos Aires. Antonio Bernis, genauso wie Louis Aragon und Giorgio de Chiricos verfolgten den Surrealismus und der Metaphysik. David Alfaró Siqueiros war mexikanischer Muralist. Antonia Bernis neue Bilder wurden nun polemisch und hinterließen tiefe Eindrücke monumentaler Art. Er erschuf zeitgenössische Dokumentationen. So etwa Desocupación, Desocupados (Arbeitslosigkeit, Arbeitslose) im Jahr 1934. Bei einem Verkauf erzielte es einen Preis von 800.000 Dollar - das höchstbezahlte Werk eines Argentiniers.

Alfredo Guttero (1882 1932) knüpfte mit seinen Bildern an das Quattocento und die romanische Malerei Spaniens an. Er schuf u.a. aus pigmentiertem Gips großflächige ikonografische Bilder. Xul Solar (1887 - 1963). Seine Bilder basieren auf der mythologischen Semantik des vorkolumbischen Argentinien. Sie sind archaische Traumbilder mit Kreuzen, Gesichtern, Schlangen, Sonnen, Zeichen und Pfeilen. Xul Solar war mit Jorge Luis Borges befreundet und erklärte, er sei Paul Klee verpflichtet.

Argentiniens moderne Malerei ist provokativ und zeitkritisch. Die Künstler wie Guillermo Kuitca haben ihren eigenen Stil - und eigenen Preis (75.000 Dollar für ein Bild). Anschauliche Exponate findet man im Museo Nacional de Bellas Artes.

Plastische Kunst in Argentinien

Die plastische künstlerische Ausdrucksform ist auf die indianischen Ureinwohner Argentiniens zurückzuführen.

Moderne Vertreter dieser Gattung sind José Pereras mit Metallskulpturen, die an die Indianerkulturen erinnern, oder Alicia Toscano mit ihren Holzstatuen und Buntglasfenstern.

Der argentinische Film

Der argentinische Film befasste sich vor allem kritisch mit der Geschichte Argentiniens. Beispiele sind etwa "La Patagonia Rebelde", der den Aufstand der patagonischen Estancia Arbeiter in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts schildert. Er fußt auf dem Buch Osvaldo Bayers. Hier ist auch "La Historia Oficial", "Die offizielle Geschichte" zu nennen. Dieser Film des Regisseurs Luis Puenzos beschreibt das Verschwinden eines Menschen in der Zeit der Militärdiktatur und erhielt 1986 einen Oscar.

"Tango Forez", "Wilder Tango", aus dem Jahr 1933 erzählt die Geschichte des Bonaerenser Stadtrebellen Tanguito.

"Lola Mora" handelt über die gleichnamige Bildhauerin.

"Sobra la Tierra", "Auf der Erde" erzählt die Lebensgeschichte einer nach dem 1. Weltkrieg nach Argentinien gekommenden deutschen Baronin.

"Una sombra pronto serás", "Bald wirst du ein Schatten sein" handelt über Patagonien und geht auf einen Roman von Osvaldo Soriano zurück. Der Film wurde 1994 auf dem Filmfestival von Venedig gezeigt.

Die argentinischen Filmemacher Eugenio Zanetti und Luis Enrique Bacalov bekamen 1996 für ihr Werk einen Oscar.