Geschichte Südamerikas

Die Geschichte Südamerika (oder sollte es heißen: die Geschichte Südamerikas?) beginnt keinesfalls mit Kolumbus - beinahe im Gegenteil!

Die Geschichte Südamerikas lässt sich unterteilen in die
- die Vor- und Frühgeschichte,
- die Präkolumbianische Epoche,
- die Kolonialzeit,
- die Zeit der Entkolonialisierung und
- die Zeit der Nationalisierung.

Die Vor- und Frühgeschichte Südamerikas

Zwischen den Archäologen herrscht Streit: die meisten Forscher halten die Clovis Kultur für die älteste menschliche Kultur auf dem amerikanischen Kontinent. Die Menschen kamen vermutlich über den Landweg von Sibirien, die heutige Bering Straße, die früher eine Landbrücke war. Andere Forscher glauben, die Kultur von Monte Verde, das in Chile liegt, sei mindestens 14.000 Jahre alt.

Auch glauben viele Forscher, die Einwanderung könne auch über den Seeweg über den Nordpazifik erfolgt sein, oder von Polynesien aus über den Pazifik. Wenige glauben sogar an eine Überschiffung von Europa aus. Bewiesen ist allerdings keine diese Einwanderungstheorien.

8000 vor Christus ist das ungefähre Datum, in dem Sich eine Besiedlung Südamerikas nachweisen lässt. Klingen und Steinwerkzeuge, die man fand, lassen sich auf diese Epoche datieren. Es existieren Höhlenmalereien bei der peruanischen Stadt Ayacucho und in den Lauricocha Höhlen am Ursprung des Río Marañón aus dieser Zeit.

Um 4000 vor Christus wurde Landwirtschaft, etwa der Anbau von Bohnen und Kürbissen oder die Lamazucht, nachweisbar betrieben.

Die Präkolumbianische Epoche Südamerikas

Die Vorkolumbianische Zeit beginnt etwa 4000 Jahre vor Christus. In Ecuador entdeckte man im Guayas Becken Keramiken. Sie gehören zur Valdivia Kultur, der ältesten amerikanischen Kultur. Die Menschen jener Zeit kannten bereits städtische Organisationen; es gab Kulte, Riten und Opfergaben. Schaut man zu jener Zeit auf die andere Seite des Atlantiks, so sieht man dort die Sumer Kultur und Ägypten, das mit der Geschichtsschreibung begann.

Im Jahr 1996 wurde Caral entdeckt; es ist die älteste bekannte Stadt Amerikas. Man fand dort eine Stufenpyramide, die aus dem Jahr 2627 vor Christus stammt. Es gab Häuser für über 3000 Menschen, Tempel, Amphitheater und künstliche Bewässerungsanlagen. Es gab einen Handelsverkehr der dortigen Menschen mit den Küstengebieten und dem Amazonasgebiet.

Ab 2000 vor Christus bildeten sich separate Kulturen über ganz Südamerika verteilt. So bildete sich um 1600 vor Christus die Machalilla Kultur an der Küste Ecuadors. Von ihnen stammen die Keramikgefäße mit Henkel, die über den Andenraum verbreitet wurden und auch zu den Chavín, Mochica und Chimú kamen. Die Chorreara Kultur erlebte ihre Blüte zwischen 1200 und 500 vor Christus; sie töpferten Keramiken in Tier- und Menschengestalten. Sie bauten ihre Häuser auf künstlichen Aufschüttungen und um einen großen, zentralen Platz herum. Mit den Chavín standen sie in Handelsbeziehungen.

Die Arawaken zogen zwischen 1000 und 500 vor Christus den Orinoco entlang und siedelten schließlich an dessen Delta. Sie besaßen Kanus und betrieben Fischfang, hatten aber nicht das Wissen, Keramiken zu fertigen. Sie betrieben Landwirtschaft, bauten Bohnen, Mais, Süßkartoffeln, Maniok und Kürbisse an, hatten auch Erdnüsse, Ananas, Baumwolle und Tabak. Als die Spanier kamen, verschwanden sie binnen einhundert Jahren durch die eingeschleppten Seuchen.

Die Kultur der Chavín gabe es von ca. 800 bis 300 vor Christus. Es ist die früheste, heute noch sichtbare Hochkultur in Südamerika. Wahrscheinlich bestand eine Verbindung zur Olmeken Kultur, weil deren Motive, die Raubkatze, die Schlange und der Vogel, dort ebenfalls Verwendung fanden. Im Norden Perus sind Ruinen erhalten, die von vielen Touristen besucht werden. Zur selben Zeit lebten - so glaubt man - die Parcas, eine Kultur im Gebiet um die peruanische Hauptstadt Lima herum. Allerdings kann es auch sein, dass es keine eigenständige Kultur war, sondern lediglich Toge aufgrund der trockenen, konservierenden Luft aus entfernten Gebieten dorthin gebracht wurden.

Kolumbien beherbergte die Herrera Kultur. Sie war im Hochland von Bogotá heimisch. Die Calima Kultur siedelte dagegen an der Westseite der Anden. Beide Kulturen bestanden ca. vom 4. Jahrtausend vor Christus bis zum 2. Jahrhundert nach Christus.

Die San Augustin Kultur, die sich bis ins 7. Jahrtausend vor Christus zurückverfolgen lässt, legte seit dem 4 Jahrhundert nach Christus Grabstätten an. Sie führten, wahrscheinlich aus rituellen Gründen, bis ins 7. Jahrhundert nach Christus hinein Geländeverformungen durch. Die Menschen handelten mit Bewohnern der Küsten- und Amazonasgebiete.

Die Mochica Kultur entstand im 1. Jahrhundert im Norden, im Wüstenstreifen an der Pazifikküste. Sie hatte Bewässerungssysteme entwickelt und lebte von der Landwirtschaft. Man verarbeitete Metall (Gold, Silber, Kupfer) auf hoch entwickelter Ebene und auch Keramik. Die Mochica waren in Fürstentümer geteilt. Im 7. Jahrhundert nach Christus ging die Mochica Kultur unter; man glaubt, dass ein El-Niño-Ereignis daran schuld sei.

Die Zeit von 1000 bis 1470 war die Epoche der Chimus. Ihre Hauptstadt hatte diese Kultur in der Gegend von Trujillo in Peru. Sie hieß Chan Chan. Die Chimus fertigen Nutzgegenstände und Dinge in Massenproduktion. Kunsthandwerk gab es auch, aber nicht in der Ausprägung wie bei den Mochicas.

Von 800 bis 1600 lebten die Chachapoys. Sie siedelten am Ostrand der Anden. Sie waren ein kriegerisches Volk, hellhäutig und hochgewachsen - also eher untypisch für südamerikanische Andenvölker. Bekannt sind ihre Felsengräber, die sie an hohen Steilklippen erreichtet haben. Eingeschleppte Krankheiten radierten sie im 16. Jahrhundert aus.

Das bekannteste alte Volk Südamerikas dürfte das der Inka sein. Die Inka herrschten ab ca. 1200 bis 1532 über weite Teile Südamerikas. Sie errichteten ein Großreich. Ihr Ende kam abrupt durch die Spanier.

Die Kolonialzeit Südamerikas

Bezeichnend für die Einstellung der europäischen Entdecker zu Südamerika ist der Vertrag von Tordesillas. Dort teilte 1494 Papst Alexander VI Südamerika zwischen Portugal und Spanien auf. Portugal bekam den östlichen Teil, das heutige Brasilien. Spanien bekam den Rest des südamerikanischen Kontinents und Panama.

Südamerika wurde von Mittelamerika und von der Karibik her durch die Spanier erobert. Sie suchten das in Sagen beschriebene Land des Goldes El Dorado.

Um 1520, im Gebiet des heutigen Argentinien, Venezuela und Kolumbien, fanden sich bereits erste Siedlungen der spanischen Einwanderer.

Francisco Pizarro erkundete im Auftrag des spanischen Königs, ausgehend von Panama, die Pazifikküste Südamerikas. In Mexiko waren reiche Goldquellen entdeckt worden und Pizarro hoffte auf weitere. 1526 kam er in das Gebiet der heutigen Staaten Ecuador und Peru. 1532 und 1533 bekämpften sich die Inkakönige Huáscar und Atahualpa. Diesen Krieg - und eingeschleppte Seuchen - nutzte Pizarro aus und unterjochte das riesige Reich der Inka.

Die Indianer, die Ureinwohner wurden an vielen Orten binnen kürzester Zeit getötet, besonders in der Karibik und in Peru.

Wie man mit den Indianern umgehen sollte, wurde in Spanien kontrovers diskutiert: Bartolomé de Las Casas war der Generalanwalt der Indianer, Juán Ginés de Sepúlveda sah in den Indianern Untermenschen. 1542 kam es zum Erlass der "Neuen Gesetze". Sie stellten die Indianer z.T. unter Schutz. Jedoch waren sie oft unwirksam oder wurden zurückgenommen. Der Umsetzungswille in den Kolonien fehlte. Auch spätere Versuche des spanischen Königs, Gesetze zur Protektion der Indianer zu schaffen, scheiterten. Die Ausbeutung der Indianer war sehr profitabel - warum sollte man sich da an Gesetze halten? So wurden z.B. in den Silberminen von Potosi währen der Kolonialzeit Indianer unter unwürdigen Bedingungen zur Arbeit "gehalten". Weit über eine Million starben.

Auch die sog. Encomienda brachte Zwangsarbeit für die Indianer und unwürdige Bedingungen. Die indigene Kultur wurde ausgelöscht, Religion und Zivilisation war die Begründung. Die Indianer standen auf der untersten Stufe der kolonialen Gesellschaft.

In den Gebieten, die im 19. Jahrhundert in den Indianerkriegen an die Europäer fielen oder bei der Unterwerfung Patagoniens, war die Verfolgung der Indianer am brutalsten. Ganze Stamme wurden hier gezielt ausgelöscht: Völkermord.

Christoph Kolumbus war bis ca. 1500 oberster spanischer Machthaber in den neuen Gebieten.

Das riesige Kolonialreich stabilisierte sich mit der Zeit und es wurde das Vizekönigreich Neuspanien auf dem Gebiet des heutigen Mexiko und Venezuela sowie das Vizekönigreich Peru mit der Hauptstadt Lima auf dem Gebiet des heutigen Panama und dem spanischen Teil von Südamerika 1543 gegründet. Nun gab es zwei Vertreter des spanischen Königs in Amerika. Aufgrund des Silbervorkommens in Potosi wurde der Vizekönig von Peru höher angesehen.

Das Vizekönigreich war in Provinzen gegliedert. Dort hatten Gouverneure Verwaltungs- und richterliche Machtbefugnisse.

In Europa wurden neue Verwaltungen für die Kolonialgebiete geschaffen. Dort wurden Gesetze entworfen und politische Aufgaben wahrgenommen. Die wichtigste Gesetzessammlung war die Cedulario Indiano. Sie enthielt ca. 3500 Gesetze über die Kolonien.

Kolonialisiert wurde - neben dem Niederkämpfen der Ureinwohner - durch Stadtgründungen. Die Städte hatten den Zweck, Machtansprüche zu verfestigen - gegenüber den Indianern, aber auch gegenüber anderen europäischen Mächten. Deshalb unterlag jede Stadtgründung einer eingehenden Kontrolle. Die Verwaltung einer Stadt erfolgte durch einen Stadtrat, der aus Ratsmännern und 2 Stadtrichtern bestand. Zusätzlich war eine dem spanischen König direkt unterstellte Person in der Stadt. Ihre Aufgabe bestand darin, die königliche Autorität zu repräsentieren und Ordnung zu wahren.

Im Jahr 1717 spalteten sich Ecuador, Kolumbien und Venezuela vom Vizekönigreich Peru zum Vizekönigreich Neugranada ab. Im Jahr 1776 spalteten sich Argentinien, Chile, Paraguay und Bolivien zum Vizekönigreich Río de la Plata ab.

Die Inka konnten ihr riesiges Reich nur verwalten, weil sie über eine zentrale politische Organisation und straff organisierte Infrastruktur verfügten. Diese wurden von den Spaniern übernommen und umgebogen. Nur so hatte es ihnen gelingen können, das riesige Reich unter ihre Herrschaftsmacht zu bekommen. Kleinere Völker, deren Kultur auf Verwandtschaftsregeln gegründet war, kamen so nie unter die Kontrolle der Spanier, so etwa in Patagonien. Diese kleinen indianischen Kulturen übernahmen im Gegenteil Agrartechniken, die Nutzung des Pferdes oder Pflanzen von den spanischen Eroberern.

In den Ebenen Nordargentiniens, Paraguays und Ostboliviens streiften nomadische Jäger und Sammler durch die Steppen. Sie lebten in Gruppen von etwa 100 Menschen. Sie wurden weniger Kolonialisiert als durch Krankheiten ausgerottet. Im Amazonasbereich gab es ebenfalls nur eine dünne Besiedlung durch viele unterschiedliche Volksstämme. Mit den Spaniern kam es nur zu Kontakten, die auf Missionsziele und Handelsziele ausgerichtet waren.

Fazit 1: die spanische Eroberung brachte einen drastischen Bevölkerungsrückgang der Indianer. Ursachen waren: die Kriege, die Seuchen, die Sklaverei und Zwangsarbeit sowie die Ernährungsumstellung.

Zuckerrohr wurde in großem Stil angebaut, die Weidetiere aus Europa brauchten Platz, die neuen Weideflächen führten zu Bodenerosionen. Ursprüngliche Produkte konnten nicht mehr angebaut werden.

Durch die Auslöschung der Indianer kam es zu einem Arbeitskräftemangel. Diesen glich man durch die Einführ von schwarzhäutigen Sklaven aus Afrika aus.

Indianer und Afrikaner vermischten sich.

Es entstand eine Klassengesellschaft: oben standen die spanischen Einwanderer. Die Kreolen, ihre Nachfahren, standen an zweiter Stelle. Ganz unten standen die Indianer und die Schwarzafrikaner.

Die Gründe der Kolonialisierung: Spanien strebte in Europa eine Großmachtstellung an; es führte zahlreiche Kriege. Diese erforderten ein enormes finanzielles Kapital. Das spanische Mutterland hatte dieses Kapital nicht, also mussten die Kolonien diese Mittel aufbringen: Gold, Silber, Güter. Das spanische Königshaus gewann dadurch auch mehr Unabhängigkeit von den Städten in Spanien. Beispiel: Der Tunis-Feldzug, den Karl V durchführte, kostete 3 Milliarden Dukaten - die Kolonien lieferten das Geld. Als die Geldlieferungen aus den Kolonien ab dem 17. Jahrhundert abnahmen, ging die Großmacht Spanien in die Knie.

Fazit 2: In Südamerika wurden Menschen und Kulturen durch die spanische Kolonialisierung ausgelöscht. Spanien hätte in Europa ohne die finanziellen Mittel, die aus der Ausbeutung der südamerikanischen Kolonien stammten, nie eine Großmachtstellung erlangen können.

Die Zeit der Entkolonialisierung Südamerikas

Die spanischen Kolonien in Südamerika hatten in der Französischen Revolution und in der Unabhängigkeit er britischen Kolonien in Nordamerika Vorbilder. Auch die spanischen Kolonien lehnten sich gegen das spanische Mutterland auf. 1809 wurde in Quito und 1811 in Caracas die Unabhängigkeit gefordert. Die spanische Krone lehnte ab. Es folgten Aufstände, die jedoch von Spanien niedergeworfen wurden. Simón Bolivar führte 1813 den Aufstand in Caracas zum Sieg.

Argentinien hatte schon im Jahr 1816 die Unabhängigkeit erlangt. Es war José de San Martín, der die Armee der Vereinigten Provinzen zum Sieg gegen das Heer des spanischen Mutterlandes führte. Nach dem Sieg für Argentinien verbündete sich José des San Martín mit Bernardo O'Higgins, einem chilenischen Freiheitskämpfer. In den Jahren 1817 und 1818 gelang es beiden durch viele Kämpfe die chilenische Unabhängigkeit zu erreichen.

Auch Simón Bolivar kämpfte weiter und besiegte mit der Schlacht von Bayaca die Spanier und erreichte dadurch die Unabhängigkeit Kolumbiens.

1822 fand die Schlacht von Pinchincha statt: Ecuador erhielt seine Unabhängigkeit.

Der letzte große Kampf war die Entscheidungsschlacht bei Ayacucho in Peru. San Martín und Simón Bolivar legte ihre Heere zusammen und konnten am 9. Dezember 1824 die Spanier besiegen; sie mussten sich daraufhin aus Südamerika zurückziehen.

Die Zeit der Nationalisierung

Simón Bolivar bemühte sich eine Konföderation der einzelnen Territorien zu bilden. Die Konföderation Großkolumbien. Venezuela, Kolumbien und Ecuador gehörten dazu. Peru und Bolivien hängten sich an. Doch schon im Jahr 1832 brach die Konföderation auseinander: die heutigen Nationalstaaten entstanden.